Ist die Hebammenversorgung im ländlichen Raum gesichert?

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RAG Gesundheit und Pflege: „Zukunft der Hebammenversorgung“ Veranstaltung in Sande, 21.03.2019

Anlässlich der Schließung der Geburtshilfestationen in Wittmund, Oldenburg und Nordenham sowie des allgemein bekannten Mangels an Hebammen in unserer Region hatte die Regionale Arbeitsgemeinschaft (RAG) Gesundheit und Pflege von Bündnis 90/ DIE GRÜNEN zu einer Abendveranstaltung „Zukunft der Hebammenversorgung“ am 21.03.19 in Sande eingeladen.
Martina Esser, Kreistagsabgeordnete von BÜNDNIS90DIE GRÜNEN in Friesland, begrüßte im vollbesetzen Saal im Hotel Leiners in Sande die Anwesenden. Moderiert wurde die Diskussion von der  Vorsitzenden der RAG Gesundheit Doris Stehle (KTA, Wittmund), die ein powervolles und fachkompetentes Podium vorstellte.
Bestehend aus der gesundheitspolitischen Sprecherin der Landtagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, MdL Meta Janssen-Kucz, der Vorsitzenden des Hebammenverbands Niedersachsen, Veronika Bujny, der Kreisdelegierten Hebamme Friesland, Christina Harms-Janßen, der Leiterin der Hebammenschule Oldenburg, Astrid Kruid und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Friesland, Elke Rohlfs-Jacob, wich das hochkarätig besetzte Podium keiner Frage aus und diskutierte mit den Anwesenden intensiv die derzeitige, desolate Situation der Hebammenversorgung in unserer ländlichen Region.

Die Veranstaltung begann mit einer guten Nachricht: es liegt endlich ein Referentenentwurf zur Akademisierung der Hebammenausbildung vor. Meta Janssen – Kucz erklärte:

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Meta Janssen – Kucz, MdL, Gesundheitspolitische Sprecherin B90/GRN

„Seit 2005 war bekannt, dass die Hebammenausbildung ab 2015 akademisiert werden soll, die Umsetzung hat bis Januar 2020 zu erfolgen. Deutschland hatte dazu bis heute nichts, runde Tische wurden ausgesetzt, Warnungen aus Hebammenkreisen wurden ignoriert. Seit Donnerstag (21.03.2019) gibt es endlich den Referentenentwurf. Dieser muss aber noch Bundestag und Bundesrat passieren und dann in den Bundesländern in ausführende Gesetzte umgesetzt werden – und das alles bis 2020. Da drängt die Zeit. Für ein ausführendes Gesetz in Niedersachsen müssten sich das Sozialministerium, Kultusministerium und das Wissenschaftsministerium koordinieren, bisher gibt es keine erkennbare, gemeinsame Linie und kein Gesamtkonzept. Deutschland ist damit europäisches Schlusslicht in Sachen Umsetzung.“

Für den praktischen Teil des Studiums fordert Janssen-Kucz ausreichend Ausbildungsplätze in der Fläche. Dies würde die zukünftigen Hebammen auch an die Region binden. Sie plädiere für die Universitätsstadt Oldenburg als Standort des zukünftigen Studiengangs, da dort bestehende Strukturen genutzt werden können und nicht neu aufgebaut werden müssen.
Der vorgelegte Referentenentwurf sieht vor, dass (Fach-) Abitur Zugangsvoraussetzung für das Studium ist. Es soll ein praxisorientiertes Studium werden mit 3000 Stunden Praxisanteil, dieser Praxisteil des Studiums wird von den Krankenkassen finanziert. Das Bachelorstudium soll eine Regelstudienzeit von sechs bis acht Semestern haben, dies ermöglicht dann auch ein Teilzeitstudium. 2020 sollen letztmalig Ausbildungen zur Hebamme an den Fachschulen starten, die letzten Examen sollen2025 abgenommen werden.
Die Berufsbezeichnung für beide Geschlechter soll Hebamme sein, die Berufsbezeichnung Entbindungspfleger wird abgeschafft.

Astrid Kruid, Leiterin der Hebammenschule Oldenburg zum Referentenentwurf:

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Astrid Kruid, Leiterin Hebammenschule Oldenburg

„Die Kapazitäten für die Hebammenausbildung im Nordwesten sind sehr begrenzt, es wird nur in Oldenburg ausgebildet und mit 15 bis 20 fertig ausgebildeten Hebammen alle drei Jahre ist der Bedarf nicht zu decken.
Akademisierung ist eine große Chance um da Abhilfe zu schaffen und mehr Hebammen in ähnlicher Zeit auszubilden. Wir haben lange auf Nachricht vom Ministerium gewartet, jetzt liegt der Referentenentwurf vor und die Landesregierung ist in der Pflicht ihn schnell umzusetzen“

Veronika Bujny, Vorsitzende des Hebammenverbandes Niedersachsen:

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Veronika Bujny, Vorsitzende Hebammenverband Niedersachsen

„Deutschland ist ein reiches Land; in die Zeit um die Geburt wird aber kaum Geld investiert, obwohl es eine große Veränderung für die Familien ist.

Wir brauchen jetzt einen schnellen Weg, um den Referentenentwurf schnellstmöglich umzusetzen. Wir brauchen dringend mehr Hebammen, in den nächsten 6 – 8 Jahren gehen 25% der Hebammen in den Ruhestand, es kommen im derzeitigen System weniger Hebammen nach, als in Ruhestand gehen. Benötigt werden 40 Absolventinnen pro Jahr, derzeit kommen aber nur 15 und das auch nur alle drei Jahre, das ist ein Problem.
Im Nordwesten sind Geburtshilfestationen in Delmenhorst, Wittmund, Oldenburg und Nordenham bereits weggebrochen oder von der Schließung bedroht. In Bremen fehlen 19 Hebammen. Dadurch kommen auf eine Hebamme 130 Geburten. Dies alles bleibt nicht ohne Folgen für die verbleibenden Geburtshilfestationen im weiten Umfeld. Die zügige Akademisierung bietet hier die Chance die Anzahl der Absolventinnen zu erhöhen und dem Mangel in Zukunft zu begegnen.“

Christina Harms-Janßen, Kreisdelegierte Hebamme Friesland zur Situation im Landkreis:

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Christina Harms – Janßen, Kreisdelegierte Hebamme Friesland

„Wir haben viel zu wenig Hebammen im Landkreis Friesland. 19 Hebammen sind gemeldet, aber nicht alle sind in der Wochenbettbetreuung tätig. Im Jahr gab es 760 Geburten, mit steigender Tendenz. Viele Frauen verlassen die Klinik inzwischen ohne Nachsorge. Im Mai 2018 wurde die Hebammenzentrale in Varel eingerichtet. Das ist ein Gewinn für die freien Hebammen UND die werdenden Eltern. Bisher hat die Hebammenzentrale fast 250 Familien vermittelt, hier ist auch eine kurzfristige Vermittlung möglich, in einigen Fällen sogar noch nach der Geburt. Die Vermittlung ist sowohl für die Hebammen aber auch für die Familien eine organisatorische Erleichterung: keine unnötigen Telefonate für die Frauen, keine Absagetelefonate der Hebammen. Es wird meistens wohnortnah vermittelt, spezielle Wünsche der Frauen (z.B. nahe der Arbeitsstelle) werden aber genauso berücksichtigt.“

Frau Harms -Janßen wünscht sich, dass die Koordination mit den Gynäkolog*innen besser funktionieren würde, diese machen oft zu spät auf die Vermittlungsmöglichkeit durch die Hebammenzentrale aufmerksam.

Elke Rohlfs-Jacob, Gleichstellungsbeauftragte LK Friesland stellte das Konzept der Familienhebammen vor. Hier wird Familien mit besonderem Hilfebedarf für ein Jahr eine Hebamme zur Seite gestellt, um die Familien in ihrer schwierigen Situation zu unterstützen. Diese Hebammen fehlten dann jedoch für die reguläre Betreuung.

Elke Rohlfs-Jacob, Gleichstellungsbeauftragte LK FRI

„Sobald der Schwangerschaftstest positiv ist, muss man sich sofort eine Hebamme suchen, um 7 Monate später eine zu haben, das ist Stress und da muss was passieren.
Aber, wie bekommen wir die Fachkräfte aufs Land?
Wir müssen mehr Angebote an Familien machen, für Hebammen müssen ähnliche Anreize wie für Landärzte geschaffen werden. Die Zukunftsvision einer familienfreundliche Kommune wäre: gute und günstige Baugebiete, Kitas und Spielplätze. Familienfreundlichkeit ist ein Standortvorteil für eine Kommune. Eine gute Entbindungssituation, auch in Vor- und Nachsorge und eine Kinderstation am Krankenhaus gehören dazu. Und nicht zuletzt brauchen wir auch Jobangebote für die Partner.“

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Astrid Kruid, Leiterin Hebammenschule Oldenburg

„Am 1. April beginnt bei uns ein Kurs mit 20 Teilnehmerinnen. Früher gab es für diese 20 Plätze 1000 Bewerberinnen, heute noch 250. Das ist zu einem Gutteil den schlechter werdenden Arbeitsbedingungen im Hebammenberuf zuzuschreiben, mit der Akademisierung kann dem hoffentlich entgegen gewirkt werden,“ so Astrid Kruid von der Hebammenschule. „Durch die Einforderung der Akademisierung habe ich mich selber abgeschafft. Aber viele lehrende Hebammen haben bereits einen Bachelor oder Masterabschluss und können dann auch an Universitäten unterrichten. Für Lehrende Hebammen ohne Studium muss schnell ein Fortbildungsangebot geschaffen werden.“

Aus dem Publikum kam dann die Frage, was gegen den Fachkräftemangel im Ländlichen Raum getan werden kann, im besonderen bei den Hebammen.

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Veronika Bujny, Vorsitzende Hebammenverband Niedersachsen

Veronika Bujny: „Krankenhäuser und Regionen müssen für sich gute Betreuungs- und Versorgungsstandards festlegen – vor, während und nach der Geburt. Um Hebammen zu „locken“ und dann auch vor Ort zu halten braucht es gute Arbeitsbedingungen und bezahlbaren Wohnraum.“

Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreis Wittmund Frau Garlichs: Die Partnervermittlung muss ausgebaut werden. Mit der Emsachse, ein Zusammenschluss von Landkreisen, bieten wir eine beim Wirtschaftsförderkreis verankerte Partnerservicestelle. Dahin kann man sich wenden um zu schauen, ob es in der Region auch ein Stellenangebot für die Partner*in gibt. Damit ist ein Anfang gemacht, der aber noch Luft nach oben hat.

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Meta Janssen – Kucz, MdL, Gesundheitspolitische Sprecherin B90/GRN

Meta Janssen – Kucz: „Im Bereich Krippe und Kita hat sich im ländlichen Raum schon viel getan, Infrastruktur und Notfallbetreuung sind aber ausbaubar. Es mangelt an kulturellen Angeboten und der ÖPNV findet nicht statt, Familien sind meistens auf einen Zweitwagen angewiesen.“

Tanja Gerdes von Motherhood e.V. fragte nach, wie die Gesundheitsregion Wittmund und das Schließen der Geburtshilfe zusammen passen sollen?

Darauf antwortete die Wittmunder Gleichstellungsbeauftragte Frau Garlichs: „Ja, das wird ein Problem. Die Geburtshilfe muss aber schließen weil absehbar auch der Level 4 Versorgungsstandard mit den zur Verfüngung stehenden Ressourcen nicht mehr gesichert werden kann.“

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Christina Harms – Janßen, Kreisdelegierte Hebamme Friesland

Frau Harms – Janssen führte weiter aus: „Es wurde zu spät agiert. Wir haben bereits 2009 protestiert und auf den kommenden Mangel in Wittmund hingewiesen und sind ausgelacht worden.“

Aus dem Publikum wurde auf die negative Wirkung von DRGs (standartisiertes Abrechnungssystem) aufmerksam gemacht. Diese DRGs haben dafür gesorgt, dass natürliche Entbindungen ein finanzielles Minusgeschäft sind, während ein Kaiserschnitt gut bezahlt  wird. Ebenso wurde die Gefährdung kleinerer Krankenhäuser angesprochen. Hier bedürfe es eines starken Bündnisses für den Erhalt, so Dr. Reiche, gynäkologischer Chefarzt, Varel.

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Doris Stehle

Als Schlusskonsequenz des Abends fasste Doris Stehle zusammen, dass ohne Bündnispartner*innen, gewerkschaftliches Engagement und ohne eine Vernetzung aller Beteiligten, die Verbesserung der Entbindungssituation in unserer ländlichen Region nicht zu schaffen sei. Die Politik sei aufgefordert, zügig die Umsetzung des Referentenentwurfs für die Hebammenausbildung und -versorgung voran zu bringen.

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